Wir haben Dr. Susanne Kerscher einige Fragen gestellt, die uns interessiert haben: Zu ihrer Person, ihrer Arbeit, ihren Beweggründen. Die spannenden und durchaus sehr persönlichen Antworten möchten wir hier gerne vorstellen.

Liebe Frau Dr. Kerscher, warum haben Sie sich für die Neurochirurgie entschieden?

In der Neurochirurgie behandelt man das Ästhetischste, was der menschliche Körper zu bieten hat und das, was jeden einzelnen Menschen ausmacht: das Gehirn. Neurochirurgie ist sowohl klinisch/chirurgisch wie auch wissenschaftlich enorm vielseitig, abwechslungsreich und anspruchsvoll. Ein großer Anreiz war außerdem die Möglichkeit, mit Kindern arbeiten zu können.

 

Wie sind Sie auf das Thema und dann die eigentliche Kernidee gekommen? Was war der Antrieb?

Die eigentliche Initialzündung zu dem Thema kam ganz am Anfang meiner Tätigkeit in der Neurochirurgie von meinem Mentor Prof. Martin Schuhmann, der die Idee hatte, Ultraschall-basiert den Optikusnervenscheidendurchmesser (ONSD) bei Kindern zu bestimmen zur Abschätzung des intrakraniellen Druckes. Nach und nach hat sich dann aus dieser ersten Idee ein großes Ultraschall- Projekt entwickelt. Wir haben festgestellt, dass der Ultraschall in der Neurochirurgie wahnsinnig viel unentdecktes und ungenutztes Potenzial hat und zwar sowohl in der klinischen Anwendung wie auch zur Grundlagenforschung.

Klinisch wenden wir nun seit über 3 Jahren regelmäßig eine Kombination aus Ultraschalltechniken an, um einerseits den intrakraniellen Druck und andererseits die Ventrikelweite bei erwachsenen und pädiatrischen Patienten sicher und zuverlässig abzuschätzen. Diese Techniken dienen einerseits als eine Art „first-line Screening-Tool“ um den Verdacht einer intrakraniellen Druckerhöhung mit oder ohne Hydrocephalus zu erhärten, oder derartige Diagnosen auszuschließen. Andererseits wenden wir diese Ultraschall-Kombination zur Langzeit „Follow-Up“ Diagnostik bei Patienten nach erfolgter Therapie an. Hiermit kann letztlich nicht nur der Erfolg oder Misserfolg einer Shunttherapie oder eines endoskopischen Verfahrens beim Hydrocephalus angezeigt werden, sondern man kann damit u.a. auch zuverlässig Veränderungen nach Shunt-Ventilumstellung, akute oder chronische Shuntdysfunktionen, Überdrainage oder eventuelle Shuntunabhängigkeit beim Hydrocephalus detektieren. Auch bei anderen neurochirurgischen Krankheitsbildern wie Pseudotumor cerebri, Kraniosynostosen, Arachnoidalzysten oder bei Patienten auf der Intensivstation werden diese Ultraschalltechniken regelmäßig eingesetzt und sparen dadurch repetetive, teils strahlenbelastende bildgebende Verfahren (die bei Kinder zudem häufig Sedierungen erforden) und invasive, den Patienten belastende Techniken wie Shunt-Reservoir Punktionen oder Lumbalpunktionen. Die Techniken lassen sich gut und schnell bei Patienten jeden Alters anwenden und werden sehr gut akzeptiert, da sie absolut schmerzfrei sind, nicht-invasiv und ohne jegliche Strahlenbelastung. Das ist für uns ein großer Antrieb noch weitere Ultraschalltechniken zu finden, mit dem Ziel die Zuverlässigkeit und Aussagekraft dieser Methoden in der klinischen Anwendung zu erhöhen und in der Zukunft noch häufiger auf invasive und strahlenbelastende diagnostische Verfahren verzichten zu können.

Auch rein wissenschaftlich betrachtet ist Ultraschall in der Neurochirurgie und insbesondere der Forschung hinsichtlich Hydrocephalus, Hirndruck, Liquordynamik und Hirndurchblutung eine großartige Technik. Insbesondere mit Hilfe moderner, hochauflösender Ultraschallgeräte gelingt es sowohl trans-orbital wie auch trans-kraniell einen „Live-Zugriff“ und somit wertvolle Einblicke in das intrakranielle Kompartiment zu gewinnen. Mit Hilfe der Ultraschall-Untersuchungen zu den Optikusscheiden konnten wir bereits einzelne wissenschaftliche Puzzelteile zum Zusammenhang zwischen Optikusnervenscheidendurchmesser (ONSD) und intrakraniellem Druck (ICP) beitragen. Die ersten Veröffentlichungen hierzu sind dieses Jahr im Sommer erschienen (Kerscher SR, Schöni D, Hurth H, Neunhoeffer F, Haas-Lude K, Wolff M, Schuhmann MU (2019), The relation of optic nerve sheath diameter (ONSD) and intracranial pressure (ICP) in pediatric neurosurgery practice - Part I: Correlations, age-dependency and cut-off values. Childs Nerv Syst. 2019 Jun 29.; Kerscher SR, Schöni D, Neunhoeffer F, Wolff M, Haas-Lude K, Bevot A, Schuhmann MU (2019), The relation of optic nerve sheath diameter (ONSD) and intracranial pressure (ICP) in pediatric neurosurgery practice - Part II: Influence of wakefulness, method of ICP measurement, intra-individual ONSD-ICP correlation and changes after therapy. Childs Nerv Syst. 2019 Aug 8). Unsere Untersuchungen zum dritten Ventrikel haben gezeigt, dass der dritte Ventrikel beim kindlichen Hydrocephalus ein Spiegel der gesamten Ventrikelweite ist und somit stellvertretend untersucht werden kann. (Kerscher SR, Schweizer LL, Nägele T, Weichselbaum A, Haas-Lude K, Schuhmann MU (2019), Changes of third ventricle diameter (TVD) mirror changes of the entire ventricular system after initial therapy and during follow-up in pediatric hydrocephalus, Eur J Paediatr Neurol. 2019 Jul; 2.) Damit ist DIE wissenschaftliche Grundlage für die klinische, Ultraschall-basierte Messung des dritten Ventrikel Durchmessers (TVD) gelegt. Dies motiviert uns sehr auch wissenschaftlich mit Hilfe von Ultraschall noch mehr zum Verständnis der Zusammenhänge von Hirndruck, Liquordynamik und Hirndurchblutung beizutragen.

Aktuell arbeiten wir intensiv daran weitere Methoden zu etablieren, mit deren Hilfe wir als Ergänzung zu den bisherigen Techniken, Ultraschall-gestützt die Hirnperfusion und Liquorpulsation untersuchen können. Erste vielversprechende Ergebnisse hierzu liegen uns bereits vor.

 

Was macht diese Arbeit so bedeutsam aus Ihrer Sicht und mit Ihren eigenen Worten?

Diese Arbeit leistet sowohl wissenschaftlich wie auch klinisch einen wichtigen Beitrag zum Grundverständnis des Hydrocephalus und zur Vereinfachung der Diagnostik von Patienten.

 

Was fasziniert Sie am Thema Hydrocephalus?

Zum einen finde ich den Hydrocephalus wissenschaftlich sehr herausfordernd. Insbesondere die Unterscheidung der verschiedenen Hydrocephalusformen und Auswirkungen individueller Faktoren auf Ventrikelweite, dynamische Ventrikelveränderungen, Zusammenhänge mit intrakraniellem Druck und Compliance, Hirndurchblutung und Liquorpulsation sind sehr komplex und in vielen Kernbereichen noch unverstanden. Daher gibt es gerade in diesem Bereich, der häufig als langweilig eingestuft bzw. missverstanden wird, ein großes, wissenschaftliche bislang wenig erforschtes Feld.

Zum anderen fasziniert mich am Thema Hydrocephalus, dass man den Patienten häufig mit kleinen Änderungen (z.B. Ventileinstellung oder Endoskopie) sehr schnell und gut helfen kann, während andere neurochirurgische Krankheitsbilder häufig enorm komplizierte Operationen mit einer Menge High-Tech erfordern. Voraussetzung ist jedoch, dass man das Krankheitsbild Hydrocephalus und die zugrundeliegende Pathophysiologie verstanden hat.

Dass man in einem so komplexen und anspruchsvollen Gebiet mit einer eigentlich alten und sehr einfachen Technik wie Ultraschall so gute Möglichkeiten hat einen wissenschaftlichen und klinischen Beitrag zu leisten, fasziniert mich und treibt mich weiter an.

 

Welches Problem/welche Frage muss Ihrer Meinung nach am dringendsten gelöst werden, damit HC-Patienten noch besser behandelt werden können?

Das Hauptproblem beim Thema Hydrocephalus ist, meiner Meinung nach, dass das allgemeine wissenschaftliche Grundverständnis der physiologischen und pathophysiologischen Zusammenhänge nicht große genug ist. Das führt dazu, dass im klinischen Alltag die Behandlung von Hydrocephalus Patienten häufig nur auf Anamnese und Beurteilung der Ventrikelweite basiert. Dies ist bei einem komplexen Krankheitsbild, das geprägt ist von individuellen Einflüssen der Art und des Ausmaßes des Hydrocephalus, von begleitender Hirndruck-, und Liquordynamik und weiteren individuellen Aspekten, zu wenig. Fehlbehandlungen aufgrund von fehlendem Wissen führt häufig zur deutlichen Reduktion der Lebensqualität der Patienten mit wiederholten Vorstellungen im Krankenhaus mit häufigen (teils strahlenbelastenden) bildgebenden und invasiven Verfahren zur Diagnostik.

Daher ist es wichtig, das Grundverständnis des Hydrocephalus durch mehr Forschung zu erhöhen und noch mehr, nicht-invasive  Möglichkeiten der Diagnostik zu etablieren mit deren Hilfe Hydrocephalus Patienten schnell, zuverlässig und schonend untersucht und behandelt werden können.

Wir hoffen, mit unserer Arbeit einen kleinen Beitrag zu diesem Problem leisten zu können und werden auch in Zukunft intensiv daran arbeiten die Anwendung nicht-invasiver Ultraschallverfahren zu verbreiten und neue Techniken zu etablieren.